Sexpol

war Stichwort und Abkürzung der Bewegung für Aufklärung und gegen die Kriminalisierung der Abtreibung in den Jahren zwischen den Weltkriegen:
Wilhelm Reich war mit vielen Menschen in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren bis zu seinem unrechtmäßigen Ausschluss aus der Psychoanalytischen Vereinigung und seiner Flucht aus Deutschland am Aufbau von Beratungsstellen im ganzen Land.

Ein Hintergrundelement war die damalige linke Bewegung, die sich aber auch bald in der Uneinigkeit über das Verhalten gegenüber den Faschisten spaltete,
und alle Versuche, eine "Einheitsfront" zu bilden, wurden durch den steigenden politischen Druck zunichte gemacht, trotz linker Mehrheit ging die Macht an die Faschisten.
So zerfiel das Werk schon während dem Aufbau, und den Faschisten war eine Volksgesundheit mit weniger Aufklärung, aber mit neuen Fruchtbarkeitsordnungen wichtiger.

Ernest Bornemann beschreibt in seiner Selbstanalyse "Die Ur-Szene" seine Lehrjahre bei Wilhelm Reich im Jahr 1931 als 16jähriger,
und wie sie angeleitet wurden, die Beratung für Gleichaltrige durchzuführen:

"Der wichtigste Einfluss auf meine jungen Jahre war der des Psychoanalytikers Wilhelm Reich. Ich lernte ihn im Januar 1931 in Berlin kennen, als er 33 und ich 16 war. Im September 1929 war er von einer langen Studienreise durch die Sowjetunion nach Berlin gekommen und der gleichen KPD-Zelle beigetreten, der auch Arthur Koestler angehörte. Im November 1930 sprach er vor einer Gruppe sozialistischer Ärzte über sowjetische Erfahrungen bei der prophylaktischen Neurosentherapie. Von diesem Vortrag erzählte mir Max Hodann, der Freund unseres Hausarztes, und dies war das erste Mal, dass ich den Namen Wilhelm Reich hörte.

Als Reich im Januar 1931 mit einer Vortragsreihe an der Marxistischen Arbeiterschule MASCH begann, ging ich hin, war beeindruckt und blieb sein Schüler, Im Juni 1931 gründete er den Reichsverband für proletarische Sexualpolitik, dessen jüngstes Mitglied ich wurde. Von der KP wurden wir „die Reichwehr“ genannt. Offiziell begann die Arbeit des Verbandes im Herbst 1931, aber die ersten Arbeitersexualkliniken entstanden bereits im Sommer des Jahres. Die Anzahl der Arbeiterkinder und Jungarbeiter, die diese Kliniken von Anfang an besuchten, war für uns alle verblüffend, denn die Mediziner und Politiker in der Berliner KP hatten der Sache so gut wie keine Hoffnung gegeben.

Reichs Erfolg beruhte unter anderem darauf, daß er uns alle, die ihm von der MASCH in den Verband gefolgt waren, sofort zur praktischen Arbeit heranzog. Ehe ich nur halbwegs mit der Schule fertig war, befand ich mich also in der dubiosen Position eines Psychotherapeuten.

An zwei Nachmittagen, ich glaube es war Dienstag und Donnerstag, pilgerte ich zu der Klinik und empfing, nachdem Reich und seine Assistenten mir das erklärt hatten, Patienten meines eigenen Alters, die Sexualprobleme hatten. Das waren fast ausnahmslos die folgenden vier: Empfängnisverhütung, Masturbation, Geschlechtskrankheit oder Abtreibung. Mit der ihm eigenen Autorität (nie habe ich einen »Anti-Autoritäreren erlebt, der so eisern auf seine Autorität bestand)
hatte er mir und den anderen Jugendhelfern eingebleut, daß wir in den letzten beiden Fällen nie irgend etwas sagen durften, sondern die Patienten zu ihm und den anderen Amen schicken mussten. Über die Masturbation und Empfängnisverhütung dagegen durften wir frei und unüberwacht die Lektionen weitergeben, die Reich und seine Kollegen uns eingeprägt hatten

Wir besaßen Berge von Fromms·Akt-Präservativen, die wir gratis verteilen durften. Es gab Vaginalgelee für die Mädchen, aber Pessare durften selbst meine weiblichen Kolleginnen nicht an unsere Altersgenossinnen verteilen, weil sie von Ärzten oder Ärztinnen eingepaßt werden mußten. Greifenberg-Spiralen waren bereits erfunden, aber Reich glaubte nicht an sie, weil sie herausrutschen konnten. Über Masturbation sollten wir sagen, daß wir es selber taten, daß Reich es in seiner Jugend getan habe und daß es nicht schaden könne, wenn es nicht zum Ersatz für den Geschlechtsverkehr werde.

Es ist wichtig, hier festzuhalten, daß Reich emphatisch rnit Freuds Ansicht übereinstimmte, habituelle Masturbation verderbe den Charakter, weil sie den Masturbator daran gewöhne, seine Ziele mühelos, auf bequemem Wege, anstatt durch energische Kraftanstrengungen zu erreichen. »Wer sich ans Masturbieren gewöhne, pflegte er zu sagen, »erwartet auch, daß ihm die gebratenen Tauben in die Schnauze fliegen.

Zweitens teilte er Freuds Überzeugung, daß Masturbation das Sexualobjekt in der Phantasie zu einer Attraktivität erhebt, die es in der Realität nie haben kann. Resultat: stetige Enttäuschung bei der Partnerwahl und der Sexualbefriedigung. Beide Ansichten habe auch ich übernommen. Deshalb bis zum heutigen Tage mein extremer Zweifel an jeglicher Therapie, die dem Patienten keine aktive Mitarbeit, keine Willenskraft abverlangt. Das Geschlechtsleben ist eine Schule des Gesellschaftslebens. Wer nicht in der Lage ist, sich einen adäquaten, konsanguinen Geschlechtspartner zu erwerben, wird auch nicht in der Lage sein, sich im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu wehren. Wer meint, die Heilung sei Aufgabe des
Arztes, der wird auch meinen, die Befreiung sei Aufgabe der Politiker,.

Bei dieser Gelegenheit will ich noch einmal den Dank aussprechen, den eine ganze Generation von Arbeiterkindern dem alten Wilhelm Reich schuldet. Einerlei wie dumm, wie rückschrittlich, wie närrisch er sich in seinen späteren Jahren des amerikanischen Exils benommen hat, so soll doch nie und nirgends verschwiegen werden, wie hilfreich, wie nützlich, wie unerläßlich seine Arbeit in den Jahren 1931 bis 1933 in Berlin gewesen ist. Zwar hatten wir weniger Probleme mit unserer
Sexualität als die bürgerlichen Kinder, aber es gab doch Fragen, die nur ein Arzt beantworten konnte, und da halfen Reichs Arbeiter- Sexualkliniken.

Meine eigenen Pubertätsprobleme bestanden in nichts anderem als schierem sexuellem Hunger. Vom dreizehnten Lebensjahr an war mein Bedürfnis nach einer Frau so intensiv, daß ich oft dachte, ich wolle lieber sterben als noch einen Tag ohne Frau zubringen. Und doch wollte ich auch wieder keine der blöden Ziegen, die an den Straßenecken, in der Eisbar am Lietzensee, in den Parkbüschen herumgammelten. Ich wollte jemand, der die Integrität, die Liebesfähigkeit, die Diskretion meiner Mutter besaß. Und das war in der Nachbarschaft, bei den Schwestern meiner Schulkameraden, in der Welt der Bürgerkinder der Leibniz-Oberrealschule nicht zu haben.

Das Problem löste sich nahezu gleichzeitig mit meinen politischen Problemen. Denn sobald ich dem SSB beitrat, entdeckte ich Mädchen meines eigenen Alters. Töchter von Arbeitern und von Intellektuellen, die so dachten und so fühlten wie ich. Damit waren meine sexuellen Schwierigkeiten ein für allemal vorbei."
Ernest Bornemann: "Ur-Szene" Eine Selbstanalyse, S. Fischer Frankfurt 1977 S. 22-24

In den 60er Jahren wurden Erinnerungen aus der Zeit sowie die verbrannten Bücher Wilhelm Reichs, wie die "Massenpsychologie des Faschismus" als Raubdrucke verbreitet, weil die Verlagsrechte nicht zu bekommen waren und die offiziellen Verlage sich nicht an die Themen wagten. Viele der Arbeitsweisen von Reich wurden unter dem Titel Bioenergetik weiterverbreitet, weil seine Orgon-Forschungen in den USA verfolgt und international als verfemt behandelt wurden.

Angrenzend: Entwicklung des sexuellen Lebens
Bernd Bocian: Fritz Perls in Berlin 1893 - 1933, Expressionismus - Psychoanalyse - Judentum