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1931 in Rio de Janeiro, Brasilien geboren, gilt als einer der wichtigsten Theatermacher und Theatertheoretiker deAnspruch ist, mit Theater die Realität nicht nur zu interpretieren, sondern diese auch zu verändern. Während seiner Exilzeit in Europa beinflusste er auch die hiesige Theaterpädagogik und bekam 1994 von der UNESCO die Pablo-Picasso-Medaille.
Boal entwickelte die Theaterformen „Theater der Unterdrückten“, „Forumtheater“ und „Unsichtbares Theater“ und Legislatives Theater. Zuletzt stellte er ein Buch fertig, die "Ästhetik der Unterdrückten", in dem er darlegt, wie uns der Unterhaltungsmüll reaktionsunfähig macht und wie wir zu internationaler Solidarität zurückkommen.
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Die von Augusto Boal entwickelte Methode des Forumtheaters „Theater der Unterdrückten“ ermöglicht eine Wahrnehmungsschulung und Sensibilisierung aller Beteiligten. Es unterstützt Menschen, die etwas verändern wollen und bietet ihnen die Gelegenheit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Hintergrund: Die Pädagogik der Unterdrückten von Paulo Freire

Im Juni 1981 hatte ich das Forumtheater in München kennengelernt, auf der nebenstehenden Veranstaltung,
dann folgte schon der erste Wochenend-Workshop und etliche Intensiv-Wochen im Theaterhaus Berlin in den folgenden Jahren.
Selbst organisierte ich / arbeitete ich mit ihm u.a. bei coragem.gif
1995 Intensiv-Seminar Linz KJÖ
1995 Tagung in Gauting und München Pasing
1997 Internationales Treffen zum Theater der Unterdrückten in Toronto
1997 Europäische Tagung zum Legislativen Theater, Hochschule München und Rathaus München
1999 Internationale Treffen in Linz und Wien
2004 Arbeiterkammer in Linz
Dazu kamen zahlreiche europäische Fortbildungen und KollegEntreffen in Kroatien, den Niederlanden, Österreich und Frankreich, sowie ein großes Projekt mit den Mitarbeitenden von Augusto in Rio de Janeiro: Curingas in Deutschland unterwegs, dokumentiert in der **Zeitschrift für befreiende Pädagogik**

**Ankündigung** Vortrag Cto2 - SlideShare

Im Forum-Theater, das dem Publikum die Stimme zurückgibt, stellen die Schauspieler mit Hilfe des Jokers eine Szene vor, die unbefriedigend endet: das Publikum soll sie verwandeln. Joker führen den Dialog dazu: Wie wirken einzelne Veränderungen, sind alle Wünsche befriedigt?
Augusto Boal hat die Methoden des Theater der Unterdrückten entwickelt, mit einem Team im CTO Rio hat er sie als Stadtrat von Rio de Janeiro zum Legislativen Theater weiterentwickelt.
Im Brasilianischen heissen die Joker CURINGAS: Im Rahmen einer Süd-Nord-Partnerschaft des ASA-Programms der Carl-Duisberg-Gesellschaft entstand ein Projekt, im November und Dezember 2000 die brasilianischen KollegInnen nach Deutschland einzuladen und mit ihnen eine Reihe von Workshops in vielen Orten zu veranstalten.
Hier finden sich die Materialien, manche Diskussion und Berichte der Reise, wie sie im Rahmen der Paulo-Freire-Gesellschaft mit einem Team von Verantwortlichen vor Ort durchgeführt wurde.

WEITERES: http://FORUMTHEATER.wikispaces.com

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Bárbara Santos, am 4. Mai 2009:
Unser geliebter Freund Augusto Boal, der auf seinen vielen Reisen durch die Welt unermüdlich den Samen des Theaters der Unterdrückten verstreute, hat sich auf eine weitere Reise begeben.
Er ist in den frühen Morgenstunden des 2. Mai 2009 aufgebrochen. Am Ersten Mai war er noch bei uns geblieben, solidarisch mit allen Arbeiterinnen und Arbeitern, die für eine gerechtere, solidarischere und glücklichere Welt kämpfen.
Er ist zu dieser besonderen Reise aufgebrochen und wird bei keiner Veranstaltung mehr präsent sein. Aber, wie es seine Art war, hat er bis zum letzten Moment gelebt, geliebt und gearbeitet und das Buch *Die Ästhetik der Unterdrückten* hinterlassen. Ausdrücklich hat er auch hinterlassen, dass keine Veranstaltung wegen seiner Abwesenheit abgesagt werden sollte: „Ist das nicht der Sinn der Multiplikation?“

Gestern, am 3. Mai, haben wir uns zu einer Abschiedszeremonie zusammengefunden. Sein Körper kündigte den Beginn einer neuen Etappe des Theaters der Unterdrückten an: in physischer Abwesenheit seines Meisters. Wir haben geweint, geredet und gesungen. Celso Frateschi hat einen Teil aus „Arena canta Zumbi“ rezitiert. Wir sangen das Lied von Nuno Arcanjo. Und Cecília Boal, mit aller Kraft und Lebendigkeit, schrie in alle Himmelsrichtungen, dass ihr Mann als der erinnert werden sollte, der er immer war: ein Kämpfer. Wir trockneten unsere Tränen und applaudierten der Abreise von Boal.
Sein Körper ist gegangen, seine Präsenz bleibt. Voraussichtlich am nächsten Samstag den 9. Mai werden wir diese Präsenz in einer Würdigung im CTO-Rio bestätigen. Wir werden dem Leben, dem Kampf, der Produktivität, dem Werk und der Fortführung der Arbeit von Augusto Boal huldigen.

Es wird nicht einfach sein, ohne unseren Meister, Partner, Freund und Kampfgenossen weiterzumachen. Aber was war schon einfach auf dem Weg des Theaters der Unterdrückten?
Die Ethik und die Solidarität als Fundamente und Leitfäden. Die Multiplikation als Strategie. Konkrete und dauerhafte soziale Aktionen, mit dem Ziel der Transformation unterdrückerischer Realitäten.
*Es lebe Augusto Boal*
Wir machen weiter.

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auf youtube zu erleben: augusto boal in vienna
oder im originalen brasilianischen Kontext, vorgeschlagen für den Friedensnobelpreis

Seit 1981 (damals war er in München) können wir mit ihm arbeiten und lernen ... bis zur

Konfliktbearbeitung mit Theater-Methoden und zum

Theater im Dialog: heiter, aufmüpfig und demokratisch. Deutsche und europäische Anwendungen des Theaters der Unterdrückten


Das Theater der Unterdrückten, das unsichtbare Theater und der unzerstörbare Text

Hamlet-Titel.pngAugusto Boal (1931-2009) war einer von denen, die im vergangenen Jahrhundert das Theater neu erfanden. Er hat das Theater auf die Straßen und Plätze gebracht. Nicht nur in dem er dort satt in festen Häusern spielte. Er entwickelte auch Spielformen, bei denen der Zuschauer nicht sofort wusste, dass er Zuschauer ist. Seine „Schauspieler“ mischten sich unter die Passanten, spielten dort Szenen einer Ehe oder Drogendealer oder was auch immer und die Passanten verhielten sich dazu. Nicht zu einer Aufführung von etwas, denn sie wussten nicht, dass es „nur“ eine Aufführung war, sondern so als wäre es die Sache selbst.

Man kann sich vorstellen, wie viel Training das auf Seiten der Schauspieler voraussetzt. Nicht nur bei der Verstellung, sondern erst recht bei der Aufklärung des Publikums darüber, dass alles nur Theater war. Es gilt mit Zorn und Empörung fertig zu werden, mit dem Gefühl von jungen, frechen Leuten verarscht worden zu sein, die etwas bei einem herausgekitzelt haben, das man lieber nicht in die Öffentlichkeit gezerrt sehen möchte: sei es Brutalität oder Feigheit. Man denkt sich, dass diese Art von Schauspielerei einem helfen könnte, das Leben selbst als Schauspiel zu betrachten, es also aus einem heilsamen Abstand besser ertragen zu können. Das ist eine Illusion. Wie alle diese Überlegungen, die darauf abzielen, es könnte Rezepte geben, Kniffs, die man nur anwenden brauchte und schon ginge es einem besser. Ganze Industrien basieren auf dieser Hoffnung.

Boal war nicht in diesem Gewerbe. Boal war theaterverrückt und lebensverrückt. Mit zehn, elf Jahren schrieb er ein Buch der Erfindungen. „Ich erfand einfach alles, von der Kriegsindustrie angefangen, bis zur vernünftigen Planung eines futuristischen Landes.“ Sein Trick bestand darin, nicht damit aufzuhören, an diesem Buch der Erfindungen weiter zu schreiben. Ganz gleich, was die Umgebung von seinen Einfällen hielt. Der einzige Ort, an dem er das machen konnte, war das Theater. Als ihm das zu eng wurde, ging er hinaus. Aber der Vorwand, Theater zu machen, half ihm weiter bei allem, das er tat. Es ist ein großes Glück, wenn man einen Schauplatz gefunden hat, an dem man machen kann, was man will und an dem man – auch das ist sehr wichtig – nur wenig tun muss, das man nicht will. Im Brasilien der Militärdiktatur bot auch das schönste Theater nicht mehr diesen Schutzraum. Boal wurde inhaftiert und gefoltert. Er ging ins Exil. Ein großes Glück für das europäische Theater.

Aber hier noch eine Posse aus dem Brasilien Ende der 60er Jahre, die Lesern von Erich Loests „Der dritte Zensor“ sehr vertraut vorkommen werden.. „In Porto Alegre kam es zur ultimativen Groteske, als ein Zensor den Regisseur von Antigone zu sich rief, um das Stück mit ihm zu diskutieren. Der Text gefiel ihm zwar und er wollte sein Bestes tun, um es frei zu geben, doch ein paar kleine Änderungen wären notwendig: Kreon stieg aus seiner Konfrontation mit Antigone schlecht aus, und das Publikum könnte das als eine kritische Anspielung auf die brasilianische Situation sehen. ‚Bring mir den Autor des Stücks und dann lass uns eine friedliche Lösung finden, das Stück hätte es verdient‘, schlug er ganz verhandlungsbereit vor.“ Der Zensor las die Antigone als einen Kommentar zu seiner Gegenwart. Nichts macht das Theater immer wieder. Stücke wie dieses sind immer wieder aktuell. Die Staatsmacht hat recht, sich über sie aufzuregen. Immer wieder. Über Jahrtausende. Der Grund ist: Seit es den Neandertaler nicht mehr gibt, sind wir alle gleich.

(Wer jetzt Lust auf Boal bekommt, der kann mit der im Suhrkamp Verlag erschienenen Neuausgabe seiner „Übungen und Spiele für Schauspieler und Nichtschauspieler“, hrsg. und übersetzt von Till Baumann, weitermachen.)
Augusto Boal: Hamlet und der Sohn des Bäckers – Die Autobiografie, Mandelbaum Verlag, Wien 2013, hrsg. Von Birgit Fritz, übersetzt von ihr und Elvira M. Gross, 376 Seiten, s/w Fotos, 24,90 Euro.